24. März 2000

Thank Heaven

In Deutschland gibt es unser eisernes Ladenschlußgesetz, welches die Nation spaltet, in solche, die sagen, es sei kein Problem, man müsse eben früher einkaufen, solche, die es gerade noch um zwei Minuten vor halb sieben schaffen, sich einen Einkaufswagen zu greifen, solche, die immer um zwei Minuten nach halb sieben vor der verschlossenen Türe stehen, und dann noch die, die gemütlich um acht Uhr abends vor der Kasse am Reisebedarfskiosk des Hauptbahnhofs der nächstgelegenen Bezirkshauptstadt anstehen.

Jeder Deutsche hat auf seine Weise gelernt, mit dieser Situation fertig zu werden, oder auch nicht.

In Schweden gibt es so ein strenges Regelwerk nur für den Verkauf von Alkohol. In allen anderen Bereichen ist die Situation erheblich lockerer. Zwar haben Spezialgeschäfte eher beschränkte Öffnungszeiten, so hat beispielsweise der Fachhandel für Gabelstapler- und Schubkarrenräder bei mir gleich um die Ecke sonntags geschlossen, aber das ist wohl die persönliche Entscheidung des Schubkarrenräder-Verkäufers. Wir wollen es ihm nicht übel nehmen.

Lebensmittel-läden haben ziemlich lang offen. Einige Supermärkte (andere Lebensmittel-läden gibt es praktisch nicht) öffnen schon um sechs Uhr früh, andere schließen erst um elf Uhr abends.

Dann gibt es aber noch was ganz besonderes, was in Deutschland unvorstellbar wäre nämlich den Seven-Eleven. Zu recht dudelt es auf allen Radiokanälen im 15-Minuten-Takt:

Thank Heaven Seven-Eleven

Der Seven-Eleven heisst deshalb so, weil er urspr¨nglich um Seven Uhr in der Früh öffnete und um Eleven Uhr abends schloß Längst aber hat er seine Öffnungszeiten auf rund um die Uhr ausgedehnt und ist jetzt zu einem beliebten Treffpunkt für Nachtschwärmer geworden.

Besonders an den trinkfreudigen Frei- und Samstagen quillt der Seven-Eleven von angeheitertem Volk über, dabei habe ich noch nie irgendwelche Auswüchse dort erlebt. Das ist unter anderem auch dem aussergeöhnlichen psychologischen Geschick des Personals zu verdanken. Man kann eine ganze Menge komischer Typen sehen, im Seven-Eleven, aber man braucht auch eine Menge Geduld. Gestern abend zum Beispiel, überkam mich um halb zwölf das unwiderstehliche Verlangen, vor dem Einschlafen noch schnell zwei Mellanöl zu kippen. Hab mich also beim Seven-Eleven in die Schlange gestellt. Zuallererst kamen vier Gymnasiasten, die ihre Sauftour mit einer Pizza und einem alkoholfreien Getränk krönen wollten. Tja, welche Pizza? Jeder von den vieren, wartete, bis er an der Reihe war, bevor er sich überlegte, welche Pizza er denn jetzt wollte, und welches Erfrischungsgetränk. Jeder änderte seine Entscheidung mindestens einmal. Der Verkäufer ertrug es mit stoischer Miene, die Wartenden ebenfalls. Die Pizzas, dreieckige Pizza-Achtel, mit zum Beispiel zwei wunderschön orangen Kochsalami-Scheibchen, von denen selbst in tiefgefrorenem Zustand noch der Talg triefte (Capricciosa), wurden in eine Art Toaster geschoben, und als der letzte der Knilche schließlich endg&uuuml;ltig seine Wahl getroffen hatte, waren die Pizzas Nummer eins und Nummer zwei bereits fertig gegrillt.

Obwohl Seven-Eleven kein Restaurant im eigentlichen Sinne ist, gibt es kleine Tischchen und Stühlchen, an denen man seine Einkäufe gleich verzehren kann. Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, die im Seven-Eleven aufgewärmten Sachen schmecken alle zum Kotzen. Aber wenn man eh schon besoffen ist, ist das auch schon wurscht. Man hat aber von den Seven-Eleven-Tischchen meistens den schönsten Straßenblick von allen Fenstern Stockholms. Wenn also mal jemand von Euch nach Stockholm kommt, und es vorzieht, mich nicht zu besuchen, kann ich ihm nur das Sightseeing vom Seven-Eleven-Fenster aus wärmstens empfehlen.

Nach den Knäblein kam eine ganz urige Gestalt. Eine Art Wurzelsepp, mit langem, filzigem grauem Bart (ich möchte hier Arik Brauer zitieren: "Sein Schnurrbart war ein Stacheldraht mit Suppennudeln drin") und riesigem Schlapphut und einem spitzen großen Zinken, der zwischen Bart und ungebändigten Locken . Es handelte sich um ein echtes Schleckermaul, denn er kaufte das nach Alkohol in Schweden zweitteuerste Getränk, nälich Mineralwasser. Und dazu wollte er? Ja, was wird einer schon wollen, in einer lauen Märznacht, bei plus ein Grad, zu seinem Mineralwasser? Natürlich ein Softeis, damit ihm wirklich schlecht wird. Leider war die Eismaschine kaputt, da war nichts zu machen.